Hallo liebe Leser, hier ist wieder eure Stimme aus dem Off.
Sag mal, wie ist es mit dir? Spürst du es auch?
Dieses Brodeln im Bauch? Den schleichenden Verdacht, dass hier gewaltig etwas schiefläuft und man dich für dumm verkaufen will?
Spürst du diese Wut, die immer stärker wird?
Dann lass dir nichts einreden: Deine Wut ist berechtigt.
Wenn du siehst, was schiefläuft, wenn du Ungerechtigkeit spürst und es in dir brodelt, dann funktioniert dein innerer Kompass. Wer heute nicht wütend ist, hat entweder aufgegeben oder schaut nicht hin. Diese Energie ist wichtig. Sie ist der Beweis, dass dir nicht alles egal ist.
Aber hast du mal beobachtet, was passiert, wenn diese Wut hochkocht?
Es ist ein fast automatischer Prozess. Ein Aufreger, eine Schlagzeile, ein dummer Spruch und zack, ist der Impuls da. Es fühlt sich in dem Moment unglaublich stark und richtig an, diesem ersten Druck nachzugeben. Man will es rauslassen, sofort, laut und deutlich. Es fühlt sich an wie Freiheit. Es fühlt sich an wie Widerstand.
Doch genau an diesem Punkt passiert etwas, das wir oft übersehen.
Schau dir die Mechanismen an, die uns umgeben. Nichts freut das bestehende System mehr als Menschen, die vorhersehbar reagieren. Und nichts ist vorhersehbarer als der erste Impuls.
Wer sofort springt, wenn ein rotes Tuch geworfen wird, glaubt zwar, er greift an, aber eigentlich apportiert er nur.
Das ist die bittere Ironie dabei:
Solange wir dem ersten Reflex folgen, den Dampf sofort abzulassen, sind wir zwar laut, aber wir sind harmlos. Wir beschäftigen uns mit dem Aufreger des Tages, reiben uns aneinander auf und verpuffen. Wir fühlen uns wie Rebellen, aber wir verhalten uns exakt so, wie es in den Algorithmen und Kalkulationen vorgesehen ist.
Die eigentliche Gefahr für falsche Zustände sind nicht die Lauten, die blind zurückschlagen.
Die Gefahr sind die, die ihre Wut spüren, sie behalten, aber sich weigern, über das hingehaltene Stöckchen zu springen. Die wissen, dass der einfache Weg meistens der falsche ist.
Wer wirklich etwas ändern will, muss unberechenbar werden. Und unberechenbar ist nur, wer kurz innehält und prüft: Ist das hier gerade mein eigener Gedanke, oder führe ich nur das aus, was gerade von mir erwartet wird?
Denn am Ende gibt es einen entscheidenden Unterschied:
Blinde Wut will nur zerstören und den anderen besiegen. Kluge Wut aber will das Problem lösen.
Wenn wir im Zorn unsere Menschlichkeit verlieren und nur noch nach Rache oder Vernichtung schreien, haben wir vielleicht den Kampf gewonnen, aber wir sind genau zu dem geworden, was wir eigentlich bekämpfen wollten.
Lass uns die Wut nicht nutzen, um Gräben zu vertiefen, sondern um das Fundament zu reparieren.


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