Hallo liebe Leser, hier ist wieder eure Stimme aus dem Off.

Heute widme ich mich einem schwierigen Thema. Es ist der Treibstoff für mein Schaffen, aber gleichzeitig die Quelle meines Leids. Doch dieses Leid betrifft nicht nur mich. Es betrifft uns alle.

Ich bin heute nur das Fallbeispiel – der Protagonist dieser Geschichte ist unsere Kommunikation. Oder besser gesagt: Die Illusion, wir würden uns verstehen.

Der Alien als Spiegel

Ich bezeichne mich oft als Alien. Als Mensch mit AuDHD falle ich durch das Raster der sogenannten „Normalität“.

Lange suchte ich die Verbindung zur Spezies Mensch. Ich wusste, sie muss da sein, aber ich konnte sie nicht fühlen.

Heute weiß ich: Es liegt nicht daran, dass ich kaputt bin. Es liegt daran, dass mir der Empfänger für eure Frequenz fehlt. Und genau das zwingt mich, Dinge zu tun, die ihr auch tut – aber aus völlig anderen Gründen.

Der Denkfehler beim „Masking“

Nehmen wir den Begriff Masking (Maskierung).

Sucht man danach, findet man Erklärungen über das „Verstecken von Symptomen“.

Viele neurotypische Menschen (NTs) sagen dann völlig zu Recht: „Moment mal! Das mache ich doch auch! Ich verstelle mich im Job auch!“

Und sie haben recht. Das Programm ist das gleiche. Aber das Betriebssystem dahinter ist völlig anders. Und genau hier entstehen die Missverständnisse.

Die Simulation der Verbindung

Der Unterschied liegt nicht in der Handlung. Der Unterschied liegt in der Verbindung.

Wenn ein neurotypischer Mensch sich verstellt (maskiert), tut er das oft aus einem sozialen Instinkt heraus. Er spürt die soziale Dynamik, er versteht die ungeschriebenen Gesetze, er fühlt die Verbindung zum Gegenüber – auch wenn er sie gerade manipuliert.

Bei mir ist das anders.

Stellt euch eine Künstliche Intelligenz vor. Wenn ihr sie bittet, Gefühle zu zeigen, wird sie das tun. Sie wird die perfekten Worte wählen. Aber sie fühlt sie nicht. Sie hat keine Verbindung zu dem, was sie sagt. Sie führt einen Code aus, weil sie gelernt hat: „Wenn Situation A eintritt, spiele Reaktion B ab.“

Genau das ist Masking für mich.

Ich wende soziale Skripte an, die ich nicht intuitiv verstehe. Ich simuliere eine Verbindung, die ich nicht spüren kann. Ich bin wie ein Schauspieler, der einen Text in einer Sprache spricht, die er nicht beherrscht. Die Worte klingen perfekt, aber ich weiß nicht, wie sich die Bedeutung anfühlt.

Warum das uns alle angeht

Warum ist das wichtig für euch?

Weil es zeigt, wie brüchig unsere Kommunikation ist. Wir sehen nur die Oberfläche (das Programm), aber wir sehen nicht den Menschen dahinter (den Anwender).

Jahrelang wurde ich missverstanden – von Ärzten, von Mitmenschen. Nicht, weil ich die falschen Worte benutzte, sondern weil niemand verstand, dass ich dolmetschen muss. Ich übersetze Signale, die ich nicht empfange, in Reaktionen, die ich nicht fühle, damit wir miteinander auskommen.

Das kostet eine Kraft, die sich niemand vorstellen kann, der „natürlich“ verbunden ist.

Fazit: Du bist nicht falsch – das System ist es

Mein persönlicher Kampf ist nur die Spitze des Eisbergs. Er ist ein Symptom für eine Gesellschaft, die verlernt hat, wirklich zu kommunizieren.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du denkst, du bist falsch. Du denkst, du passt nicht rein. Du glaubst, alle anderen haben das Handbuch für das Leben bekommen, nur du nicht.

Lass dir gesagt sein: Es liegt nicht an dir.

Es liegt an unserem Umgang miteinander. Wir haben eine Welt erschaffen, die nur auf Funktionieren, Effizienz und Normerfüllung ausgelegt ist. Wer abweicht – egal ob durch Neurodivergenz, Armut, Krankheit oder einfach eine andere Meinung – fällt durchs Raster oder muss sich bis zur Erschöpfung anpassen.

Wenn wir diesen gesellschaftlichen Abwärtsstrudel stoppen wollen, reicht es nicht, „netter“ zu reden. Wir müssen unser Fundament sanieren. Wir brauchen vier Grundsätze dringend zurück, nicht als Almosen für Schwache, sondern als Basis für uns alle:

1. Demut: Die Erkenntnis, dass die eigene Sichtweise niemals die ganze Wahrheit ist. Wir müssen anerkennen, dass wir nicht wissen können, welchen Kampf unser Gegenüber gerade führt oder warum jemand so handelt, wie er handelt. Demut ist das Gegengift zur Arroganz des „Ich habe recht“.

2. Rücksicht: Das Verständnis, dass eine Gesellschaft am Tempo des Schwächsten gemessen werden muss, nicht am Tempo des Schnellsten. Rücksicht bedeutet, Strukturen zu schaffen, in denen Menschen nicht zerbrechen, wenn sie mal nicht „funktionieren“ – denn das kann jeden betreffen, und sei es nur für eine begrenzte Zeit.

3. Toleranz: Die Akzeptanz, dass „anders“ nicht „falsch“ bedeutet. Toleranz heißt auszuhalten, dass es verschiedene Lebensentwürfe, Wahrnehmungen und Betriebssysteme gibt. Eine gesunde Gesellschaft braucht diese Vielfalt, statt sie in eine schmale Norm pressen zu wollen.

4. Lernbereitschaft: Der Wille, den eigenen Horizont ständig zu erweitern. Statt im „Das haben wir immer so gemacht“ zu erstarren, müssen wir bereit sein, von denen zu lernen, die die Welt anders erleben als wir. Nur wer zuhört und hinterfragt, kann sich und das System verbessern.

Diese Werte sind keine altmodische Romantik. Sie sind die harte Voraussetzung für eine Zivilisation, die diesen Namen verdient. Solange wir sie nicht leben, werden wir uns weiterhin missverstehen, aneinander vorbeireden und uns einsam fühlen – mitten unter Menschen.

Euer unsichtbarer Patient

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