Hallo liebe Leser, hier ist wieder eure Stimme aus dem Off. Heute mal etwas Persönliches. Seit nunmehr über 16 Jahren versuche ich, meinen Gesundheitszustand in den Griff zu bekommen.
Die Bilanz: Unzählige Arztbesuche, über zwei Jahre Klinikaufenthalte und 12 Jahre Medikamente, die mich krank gehalten haben, anstatt zu helfen. Nicht, dass sie wirkungslos wären – für die Krankheiten, für die sie gedacht waren, hätten sie sicher geholfen. Nur hatte ich die nicht.
Ich habe Diagnosen gesammelt wie andere Sticker oder Briefmarken. Nicht, weil es mir Spaß macht, sondern weil man es nicht besser wusste.
Der Vorteil? Ich habe so gut wie alle Schattenseiten unseres Gesundheitssystems kennengelernt. Ich musste zum Experten werden – einem Experten, den keiner beachtet, weil Patienten keine Kompetenz zugetraut wird. Aufgrund meiner Kommunikationsschwierigkeiten wurde ich nicht erkannt, sondern pathologisiert. Ich wurde zum Dolmetscher für ein emotionales Befinden, das ich selbst nicht vollständig verstand, geschweige denn spüren konnte.
Ich lese oft: „Du bist nicht krank.“
Auf gewisse Weise stimmt das sogar. Das gilt für fast alle psychischen „Erkrankungen“ und im Grunde auch für die Neurodivergenz – zumindest solange wir auf die Hochfunktionalen blicken. Denn hier sind es fast immer die äußeren Umstände, die für Probleme sorgen und uns letztendlich krank machen. Wir fallen aus der Norm, und weil die Welt nicht divers genug ist, um das aufzufangen, wird aus dem „Anderssein“ eine „Krankheit“.
Anstatt Wege zu finden, wie diesen Menschen wirklich geholfen werden kann, legt das System mehr Wert auf Kostenoptimierung und Gewinnmaximierung.
Das Ergebnis ist eine Abwärtsspirale: Die Politik fordert immer mehr vom Patienten und streicht die Möglichkeiten zusammen. Warum? Weil sie Geld sparen wollen und mehr Angst vor den Lobbyisten haben als vor dem Wähler. Hätten sie Angst vor uns, hätten wir das Problem nicht. Aber wir zahlen schließlich nur den Sold – die Lobby zahlt das echte Gehalt.
Hätten wir ein funktionierendes Gesundheitswesen, hätte man allein bei mir mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einen siebenstelligen Betrag einsparen können. Hätte man mir auch nur die Hälfte dieses Geldes direkt gegeben, wäre ich heute vermutlich gesund – und billiger.
So aber koste ich weiter. Denn auch wenn ich nun endlich weiß, was ich habe, und eigentlich auf einem guten Weg war, dachte sich das Schicksal: „Du bist ein so fleißiger Sammler, hier hast du noch einmal ein Vollprogramm obendrauf.“ Natürlich wieder eins, dessen Folgen vermeidbar gewesen wären, wenn man rechtzeitig geholfen hätte.
Was bei diesem zynischen Spiel aber immer übersehen wird, sind die tatsächlichen Kosten dieser gesellschaftlichen Ignoranz. Denn auch wenn Kranke Geld ins System bringen (durch Behandlungen), verlieren wir dadurch etwas viel Wichtigeres: Das Potenzial, das in den Menschen steckt.
Das gilt für alle Bereiche der Gesellschaft. Wir vernichten systematisch – angefangen in der Schule, durch alle Lebensbereiche hindurch – so viel wichtiges Potenzial. Und das völlig unnötig. Nur, weil wir dem Geld mehr Bedeutung beimessen als dem eigentlichen Nutzen.
Würden wir dieses Handeln umkehren, hätten wir von beidem mehr. Wir wären gesünder und vermutlich glücklicher.
Aber das ist Spekulation. Wir finden sicher auch andere Wege, uns unglücklich zu machen.
Im Grunde ist genau das die wahre Ironie.
Euer unsichtbarer Patient


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