Hallo lieber Leser,
hier starte ich ein neues Projekt. Es soll ein wachsendes Lexikon werden – eine Sammlung von „Bullshit-Aussagen“ und Totschlagargumenten.
Es sind genau jene Sätze, die uns ständig begegnen, um uns in die Irre zu führen. Sätze, die notwendige Veränderungen in unserer Gesellschaft verhindern sollen oder Diskussionen schon im Keim ersticken.
Mein Ziel: Zu jedem dieser Argumente gibt es hier einen Realitätscheck und passende Antworten, damit du beim nächsten Mal nicht sprachlos bist. Wenn dir die Idee gefällt, und du eigene Vorschläge hast, hinterlasse gerne einen Kommentar.
A
Arbeitsplätze gefährden
Die Übersetzung:
„Wir möchten unsere Gewinne nicht schmälern und nutzen die Angst der Angestellten vor Arbeitslosigkeit als Schutzschild gegen jede Veränderung.“
Der Realitätscheck:
Arbeitsplätze entstehen durch Nachfrage. Nachfrage entsteht, wenn Menschen Geld haben. Wer Löhne drückt, vernichtet langfristig Nachfrage und damit Arbeitsplätze.
Ein Geschäftsmodell, das nur funktioniert, wenn die Mitarbeiter in Armut leben, ist kein „Arbeitsplatz“, sondern Ausbeutung. Wenn ein Unternehmen faire Löhne nicht verkraftet, hat es am Markt keine Existenzberechtigung.
Mögliche Antwort:
Die kurze Gegenfrage: Heißt das, dein Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn deine Mitarbeiter arm bleiben? “Dann ist nicht der Lohn das Problem, sondern dein Geschäftsmodell.“
Der wirtschaftliche Konter: Arbeitsplätze entstehen durch Kaufkraft. Wenn niemand mehr Geld hat, um deine Produkte zu kaufen – wer rettet dann deinen Arbeitsplatz?
Die System-Kritik: Wir sollten aufhören, Ausbeutung als “Arbeitsplatzsicherung” zu tarnen. Ein Job, der nicht zum Leben reicht, ist kein Beitrag zur Gesellschaft, sondern ein Hobby auf Kosten der Steuerzahler.
B
Bürokratieabbau
Die Übersetzung:
„Gesetze, die Arbeitnehmer, Umwelt oder Verbraucher schützen, sind uns zu teuer. Wir nennen Sicherheitsstandards ‚Papierkram‘, damit es klingt, als ginge es nur um Formulare, und nicht um Menschenleben oder Naturschutz.“
Der Realitätscheck:
Wenn Unternehmen über Bürokratie klagen, meinen sie selten das Ausfüllen von Zetteln (das machen eh Computer oder Assistenten). Sie meinen oft die Nachweispflichten, die verhindern sollen, dass sie Steuern hinterziehen, Mindestlöhne umgehen oder Gift in den Fluss leiten. Echte Bürokratie entsteht oft dort, wo Ämter kaputtgespart wurden und niemand da ist, um den Antrag zu bearbeiten.
Mögliche Antwort:
Die kurze Gegenfrage: „Welches konkrete Gesetz meinst du? Das, das verhindert, dass das Haus brennt (Brandschutz), oder das, das garantiert, dass dein Schnitzel nicht vergammelt ist (Lebensmittelkontrolle)?“
c
Chancengleichheit
Die Übersetzung:
„Wir tun so, als hätten alle die gleichen Startbedingungen, damit wir uns nicht schlecht fühlen müssen, wenn wir gewinnen. Dass manche mit einem Porsche starten und andere ohne Schuhe, ignorieren wir, solange die Ziellinie für alle am gleichen Ort steht.“
Der Realitätscheck:
In kaum einem Industrieland hängt der Erfolg so stark vom Geldbeutel der Eltern ab wie in Deutschland. „Chancengleichheit“ ist eine Illusion, solange Bildungserfolg vererbbar ist. Wer sich nur anstrengen muss, um mehr zu haben, hat leicht reden gegenüber dem, der sich anstrengen muss, um überhaupt zu überleben.
Mögliche Antwort:
Das logische Konter: „Chancengleichheit ist zynisch, wenn wir das Erbe nicht einrechnen. Ein 100-Meter-Lauf ist nicht fair, nur weil alle gleichzeitig loslaufen, wenn einer davon schon bei Meter 80 startet.“
D
Deindustrialisierung
Die Übersetzung:
„Wenn ihr uns nicht subventioniert, die Steuern senkt und uns den Hof macht, gehen wir ins Ausland. (Spoiler: Das planen wir oft sowieso, weil es dort billiger ist, aber wir nehmen gerne noch das deutsche Steuergeld für den Abschied mit.)“
Der Realitätscheck:
Unternehmen gehen nicht nur wegen hoher Energiekosten oder Steuern. Sie gehen dorthin, wo die Märkte wachsen oder die Löhne Hungerlöhne sind. Die Drohung mit der Deindustrialisierung ist oft Erpressung, um Kosten auf die Allgemeinheit abzuwälzen, während Gewinne privatisiert bleiben. Wer Standorttreue nur kennt, solange der Staat zahlt, ist kein Unternehmer, sondern ein Subventionsjäger.
Mögliche Antwort:
Die System-Kritik: „Reisende soll man nicht aufhalten. Aber wer die Infrastruktur und Bildung hier jahrelang genutzt hat, sollte beim Rausgehen vielleicht die Rechnung begleichen, statt noch Geld für den Umzug zu fordern.“
E
Eigenverantwortung
Die Übersetzung:
„Wir haben den Sozialstaat kaputtgespart und die Infrastruktur verrotten lassen. Jetzt ist es deine Schuld, wenn du krank wirst, arm bist oder im Stau stehst. Kümmer dich gefälligst selbst drum!“
Der Realitätscheck:
Eigenverantwortung ist ein wichtiges Prinzip – aber oft wird es als moralische Keule benutzt, um strukturelles Versagen zu vertuschen. Wer arm ist, hat sich „nicht genug angestrengt“. Wer krank ist, hat „falsch gelebt“. Es ist der bequemste Weg für die Politik, sich aus der Verantwortung zu stehlen: Privatisierung der Probleme, aber Verstaatlichung der Bankenrettung.
Mögliche Antwort:
„Eigenverantwortung nehme ich gerne – sobald ich auch die Eigenmacht habe, die Spielregeln zu ändern. Solange ihr das Casino betreibt, gebt mir nicht die Schuld, dass die Bank immer gewinnt.“
F
Fehlerkultur
Die Übersetzung:
„Wir haben bunte Poster an der Wand, auf denen steht, dass Fehler toll sind. Aber wehe, du machst wirklich einen, der Geld kostet. Dann suchen wir keinen Lerneffekt, sondern einen Schuldigen, den wir feuern können.“
Der Realitätscheck:
Echte Fehlerkultur ist in den meisten Unternehmen so selten wie ein Einhorn. Meistens wird „Lessons Learned“ nur gespielt. Wenn es hart auf hart kommt, regiert die Angst. Das führt dazu, dass Fehler vertuscht werden, statt sie zu analysieren. Ein Fehler, über den man nicht spricht, ist eine Landmine, die für den Nächsten liegen bleibt.
Mögliche Antwort:
„Ich bin gerne bereit, Fehler zuzugeben – sobald ihr aufhört, den Boten für die schlechte Nachricht zu köpfen. Lernen tut weh, aber Angst lähmt.“
G
Gesichtswahrung
Die Übersetzung:
„Mir ist mein Ego wichtiger als der Erfolg der Firma. Ich weiß, dass das Projekt gegen die Wand fährt, aber wenn ich das zugebe, sehe ich dumm aus. Also verbrennen wir lieber noch eine Million, damit ich recht behalte.“
Der Realitätscheck:
Gesichtswahrung ist der teuerste Posten in jeder Bilanz. Es werden tote Pferde weitergeritten, nur damit der Chef nicht absteigen muss. Das Resultat sind Zombie-Projekte, die Ressourcen fressen und Mitarbeiter frustrieren, weil jeder weiß: Das wird nichts mehr, aber niemand darf es sagen.
Mögliche Antwort:
„Lieber jetzt ein rotes Gesicht vor Scham als am Ende rote Zahlen in der Bilanz. Wahre Größe zeigt sich im Kurswechsel, nicht im sturen Weiter-So.“
H
Heuchelei
Die Übersetzung:
„Wasser predigen, Wein saufen. Wenn der CEO das Budget überzieht, ist es eine ‚mutige Investition‘. Wenn du deine Spesenabrechnung zwei Tage zu spät einreichst, ist es ein Abmahnungsgrund.“
Der Realitätscheck:
„Fail Fast“ und „Agilität“ sind oft nur Buzzwords für die Galerie. Unten herrscht preußische Disziplin, oben narzisstische Freiheit. Diese Doppelmoral zerstört jede Loyalität. Mitarbeiter spüren sofort, wenn Regeln nur für die „Kleinen“ gelten.
Mögliche Antwort:
„Wenn Scheitern für euch ‚strategischer Pivot‘ heißt, warum heißt es bei mir dann ‚Inkompetenz‘? Messen wir doch mal mit nur einem Maßband.“
I
Ignoranz
Die Übersetzung:
„Ich mache die Augen zu, dann ist das Problem weg. Wenn ich die Warnlampen im Cockpit mit Kaugummi abklebe, blenden sie nicht so beim Absturz.“
Der Realitätscheck:
Ignoranz ist oft kein Versehen, sondern Strategie. Man ignoriert den Stresspegel der Mitarbeiter, die veraltete IT oder die warnenden Stimmen der Experten, weil die Wahrheit unbequem ist und Arbeit macht. Bis das System kollabiert – und dann sind alle „völlig überrascht“.
Mögliche Antwort:
„Das Problem verschwindet nicht, nur weil du wegschaust. Es wartet nur darauf, groß genug zu werden, um dich zu fressen.“
J
Ja-Sager
Die Übersetzung:
„Ich habe keine eigene Meinung, ich habe deine, Chef. Ich bin hier, um dein Ego zu polieren, nicht um das Unternehmen voranzubringen. Sag mir, wie hoch ich springen soll.“
Der Realitätscheck:
Ja-Sager sind der Rost im Getriebe. Sie wirken bequem, weil sie keinen Widerstand leisten, aber sie verhindern jede Korrektur. Ein Chef, der nur von Ja-Sagern umgeben ist, lebt in einer Blase, die garantiert platzt. Wer Widerspruch bestraft, züchtet Inkompetenz.
Mögliche Antwort:
„Du bezahlst mich für mein Gehirn, nicht für meine Nackenmuskulatur beim Nicken. Wenn zwei immer einer Meinung sind, ist einer überflüssig.“


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